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Integrative Stimm- und Musiktherapie
Wer Interesse hat, die gesamte Arbeit zu lesen, setzt sich bitte mit mir in Verbindung
Graduierungsarbeit: „Mit anderen Ohren sehen“- Integrative Gruppenmusiktherapie in der Psychosomatik unter besonderer Berücksichtigung von PatientInnen mit Essstörungen

Zusammenfassung

In der Abschlussarbeit zur Integrativen Therapie und ihrer Methode Musik stellt die Autorin ihre musiktherapeutische Arbeit mit PatientInnen mit einer Essstörung in der Psychosomatik vor und gleicht diese mit dem Verfahren der Integrativen Musiktherapie ab. Zunächst wird es um die Definitionen und die verschiedenen Erklärungsansätze von Essstörungen gehen. Im weiteren werden einige Kernkonzepte der Integrativen Therapie vorgestellt. Dabei sind diejenigen ausgewählt worden, auf die die Autorin unmittelbarer zurückgreift bzw. die als therapeutische Haltung zu Grunde liegen. Grundlagen der Integrativen Musiktherapie gehen der Verlaufsbeschreibung der musiktherapeutischen Gruppenmusiktherapie im Diakonie - Klinikum Stuttgart voraus. Im Kapitel Reflexion werden die beschriebenen Musiktherapiestunden unter den verschiedenen Perspektiven des gruppentherapeu-tischen Modells der Integrativen Therapie und der Integrativen Musiktherapie untersucht. Zum Schluss kommen die TeilnehmerInnen, die an der Musiktherapie teilgenommen haben und die der Autorin schriftliche Rückmeldungen geschrieben haben, zu Wort.

Keywords: Essstörungen, Kernkonzepte, Musiktherapie, musiktherapeutische Interventionen, Wirkfaktoren

1. Einleitung

„Frauen sollen sich verdünnisieren in unserer Gesellschaft“ sagte Alice Schwarzer im SWR - Nachtcafe am 5.01.07 zum Thema Anorexie. Weiterhin meint sie, dass Magersucht die Sucht der Frauen in unserer modernen Welt ist, noch vor Alkohol und Drogen.

„Fasten ist besser als Völlerei“ – könnte der Kernsatz vieler Magersüchtiger sein. Dieser und andere Sätze zur Lebenseinstellung sind nicht unüblich für junge Frauen, die sich das Essen verbieten und dem Schlankheitswahn hinzugeben scheinen. Seit drei Jahren arbeite ich als Musiktherapeutin im Diakonie - Klinikum Stuttgart in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Innerhalb dieses Arbeitskontextes ist mir noch einmal deutlich geworden, wie weit die Sprache meist negativ angedeutete Mahnungen in Hinblick auf das Essen in sich birgt. „Man hat an manchem schwer zu kauen“, „etwas ist schwer zu schlucken“, „man beißt sich die Zähne aus“ oder „die Zähne zusammen“. All diese Sinnsprüche deuten auf schwierige Lebensumstände hin, auf durchhalten, aushalten, auf alle Fälle auf etwas, wo das genießen zu kurz kommt. Natürlich kann ich mir auch etwas „auf der Zunge zergehen lassen“, aber nur, wenn es fettarm und gesund ist (siehe Werbung). Mir ist in den ersten Monaten meiner Arbeit genau dieses als erstes aufgefallen, dass Magersüchtige nicht genießen können, sich vieles verbieten, sich nicht zeigen können, wie sie sind. Was für mich ganz normal ist, z. B. einfach einmal etwas essen, egal ob es gesund oder vitaminreich ist, ist für Magersüchtige undenkbar. Alles dreht sich um Kalorienzählen, Mengen einteilen usw. und um eine absolute Kontrolle, sich und seinen Körper zu „zähmen“. Immer häufiger bin ich dem Thema Magersucht oder Bulimie begegnet. Regelmäßige Berichte in Zeitungen oder- Zeitschriften weisen auf Essstörungen hin. Erschreckend auch die Tendenz, dass es im Internet immer mehr Foren gibt, die nicht nur helfend zur Seite stehen, sondern von den Betroffenen selbst ins Leben gerufen werden zu dem Zweck, sich gegenseitig hoch zu puschen im Wettfasten und –kotzen. Das Forum „Spiegelkinder“ darf nur besuchen „wer glaubhaft versichert, sich in den Bereich des Untergewichts zu hungern“ (vgl. Fritzsche, 2004).

Und die „Spiegelkinder“ ermutigen einander, sich tot zu fasten „Ana [1] treu (zu) bleiben bis zum Tod“. Krankheit als Lifestyle, auch vorgelebt von berühmten Stars und Models. Der Trend in Hollywood geht zu immer schlankeren Schauspielerinnen. Es wird berichtet, dass mittlerweile drei von vier Stars an Mager- bzw. Ess – Brech – Sucht leiden (vgl. Heil, 2006). Mittlerweile gibt es sogar bei einigen amerikanischen Modelabels Kleidergröße 00, um ihre dünnen Kundinnen nicht in die Kinderabteilung schicken zu müssen. Klingt das nach Aufklärung der Krankheit Magersucht? Nach Streben eines normalen Umgangs mit dem Essen und den dahinter stehenden Problemen?

Es gibt viele Ansätze und Möglichkeiten den Betroffenen mit der Krankheit Anorexia nervosa oder Bulimie zu helfen. Vieles siedelt sich im Bereich der Psychoanalyse, Gesprächs- oder Familientherapie an. Die (Integrative) Musiktherapie mit ihren Möglichkeiten als vorwiegend non verbale Therapie kommt in der Fachliteratur noch selten zu Wort.

Die vorliegende Abschlussarbeit zur Integrativen Therapie und ihrer Methode Musik gibt mir die Möglichkeit, meine musiktherapeutische Arbeit mit PatientInnen mit einer Essstörung in der Psychosomatik vorzustellen und für mich mit dem gelernten Verfahren abzugleichen.

Zunächst wird es um die Definitionen und die verschiedenen Erklärungsansätze von Esstörungen gehen. Danach werden einige Kernkonzepte der Integrativen Therapie vorgestellt. Dabei sind diejenigen von mir ausgewählt worden, auf die ich unmittelbar zurückgreife, oder die „im Hinterkopf mitlaufen“. Grundlagen der Integrativen Musiktherapie gehen der Verlaufsbeschreibung meiner musiktherapeutischen Gruppenmusiktherapie im Diakonie - Klinikum voraus. Im Kapitel Reflexion werden die beschriebenen Musiktherapiestunden unter den verschiedenen Perspektiven des gruppentherapeutischen Modells der Integrativen Therapie und der Integrativen Musiktherapie untersucht. Zum Schluss möchte ich die TeilnehmerInnen, mit denen ich gearbeitet habe und die mir zu der Gruppenmusiktherapie Rückmeldungen geschrieben haben, zu Wort kommen lassen.

Ein Wort zur Schreibweise in männlicher/weiblicher Form. Da ich eine Therapeutin bin und hauptsächlich mit Patientinnen arbeite, habe ich mich entschlossen, vorwiegend die weibliche Form oder eine verallgemeinernde Form – z. B. PatientInnen – zu verwenden.

Abstrakt

In der vorliegenden Abschlussarbeit zur Integrativen Therapie und ihrer Methode Musik stellt die Autorin ihre musiktherapeutische Arbeit mit PatientInnen mit einer Essstörung in der Psychosomatik vor und gleicht diese mit dem Verfahren der Integrativen Musiktherapie ab. Zunächst geht es um die Definitionen und die verschiedenen Erklärungsansätze/Ätiologien von Essstörungen. Berücksichtigt werden biologisch – genetische, psychoanalytische, familiendynamische und soziokulturelle/gesellschaftliche Erklärungsansätze. Die Saluto- und Pathogenese der Integrativen Therapie mit ihrer mehrperspektivischen Sicht auf die vielfältige Faktoren, die Krankheit bzw. Gesundheit bestimmen werden vorgestellt. Im weiteren werden Kernkonzepte der Integrativen Therapie beschrieben.  Dabei sind diejenigen ausgewählt worden, auf die die Autorin unmittelbarer zurückgreift bzw. die als therapeutische Haltung zu Grunde liegen. So werden folgende Kernkonzepte berücksichtigt: das des informierten Leibes (u. a. Leibgedächtnis, Leibsubjekt als somatische Basis für die Gesamtheit aller sensorischen, motorischen, emotionalen, volitiven, kognitiven und sozial kommunikativen Erfahrungen), das des komplexen Lernens (Veränderungen von Verhaltensmöglichkeiten, bewusst und subliminal, Neuroplastizität, Sinnerfassungs-, Sinnverarbeitungs-, und Sinnschöpfungskapazität uw.), das der prozessualen Diagnostik (Aspekte der multifaktoriellen Konzepte der Krankheitsentstehung, Lebenswelt- Kontext – und Sozialraumanalyse, Ressourcenerfassung, Bedürfnisanalyse, von den Phänomenen zu den Strukturen, musiktherapeutische Diagnostikmöglichkeiten usw.), und die „Vier Wege der Heilung und Förderung“ ( unter Berücksichtigung der Aspekte der Musiktherapie, z.B. Sensibilisierungsübungen, eigenleibliches Spüren – zweiter Weg der Heilung/Förderung usw.). Des weiteren wird die Gruppenprozessanalyse in der Integrativen Therapie mit ihren verschiedenen Zielsetzungen (z. B. kurativ, stützend, fördernd), den (14) therapeutischen Wirkfaktoren, Stile der Gruppenarbeit (personenzentriert, themenzentriert usw.) und der Aspekt der weiblichen Identität in der Integrativen Therapie (z. B. anhand der fünf Säulen der Identität) dargestellt.

Grundlagen der Integrativen Musiktherapie gehen der Verlaufsbeschreibung der musiktherapeutischen Gruppenmusiktherapie im Diakonie - Klinikum Stuttgart voraus. In diesem Kapitel werden die verschiedenen Modalitäten (übungszentriert, erlebniszentriert, konfliktzentriert u. a.) ebenso wie das tetradische System gerade in Bezug auf die Gruppenmusiktherapie vorgestellt. Ein besonderes Augenmerk wird auf den Begriff des Widerstandes geworfen, der zunächst als Reaktanz und somit als Widerstandskraft begriffen wird und nicht als negatives Phänomen bekämpft werden muss. Mit dem Widerstand gehen, ihm wohlwollend begegnen und ihn u. U. als Schutz begreifen ist in der Arbeit mit PatientInnen mit Essstörungen von großer Wichtigkeit. Die Möglichkeiten der Integrativen Musiktherapie im Zusammenhang mit psychosomatischen Störungen (und hier Essstörungen) bilden den Abschluss des theoretischen teils dieser Graduierungsarbeit. Ausgehend von den psychischen Störungen, die sich im Leib manifestiert und eingegraben haben und sich hier als aggressive Impulse gegen sich selbst richten, werden die Möglichkeiten, die eine Kreativtherapie –Musiktherapie- hat, aufgezeigt. Die Musiktherapie als non - verbales Vorgehen hat Bezug zu den non – verbalen Dimensionen der menschlichen Entwicklung und kann als therapeutisches Medium Atmosphären  und Gefühle ausdrücken, bietet Kontaktmöglichkeiten auf spielerische Art, immer unter dem Leitgedanken „Der Mensch ist Leibsubjekt als Mitsubjekt in seiner je gegebene Lebenswelt“. In meinem musikalischen Ausdruck zeige ich mich und meine Möglichkeiten, Verhaltensweisen und Problemen, die oftmals nicht bewusst bzw. sprachlich zugänglich sind.

Es folgt im Kapitel 5 die Beschreibung der praktischen musiktherapeutischen Gruppenarbeit im Diakonie – Klinikum Stuttgart. Vorangestellt sind die Schwerpunkte der zu behandelnden Krankheiten (und das sind vor allem Essstörungen) und die Struktur der Klinik. Behandlungskonzept und therapeutische Angebote, eingebettet in ein intensives Therapiekonzept werden skizziert.  Zur Beschreibung der Musiktherapie im Diakonie – Klinikum Stuttgart gehört das formale und inhaltliche Setting, die vorhandenen Räumlichkeiten und Instrumente und der Ablauf eines musiktherapeutischen Arbeitstages (Übergaben, Informationen durch andere TherapeutInnen, ÄrtztInnen usw.). Die musiktherapeutische Gruppentherapie wird in einem Zeitraum von drei Monaten, September bis Dezember 2006, beschrieben, die einzelnen TeilnehmerInnen unter verschiedenen Gesichtspunkten (Diagnose, Teilnahmefrequenz, Alter,  Geschlecht, Beruf, Familienanamnese und musikalische Vorkenntnisse u. a.) anonymisiert vorgestellt. Die beschriebenen 25 Gruppenmusiktherapiestunden sind folgendermaßen aufgebaut: 1. Anwesenheit, 2. Übergabe (durch die Krankenschwestern), 3. Eingangsrunde, 4. Musikalische Interventionen, 5. (eigene) Ideen zu den Interventionen/Begründung, 6. Beobachtungen/Themen, 7. Rückmeldungen der PatientInnen, 8. Besonderheiten.

Im Kapitel Reflexion werden die beschriebenen Musiktherapiestunden unter den verschiedenen Perspektiven des gruppentherapeutischen Modells der Integrativen Therapie und der Integrativen Musiktherapie angeschaut. Die musiktherapeutischen Interventionen der einzelnen Gruppenstunden werden auf ihre Funktionen (Halte- und Container, Vehikel und Katalysator, Zeugin oder emotionale Resonanzgeberin, Übergangsobjekt, Integrator, Projektionsfläche, Stimulus imaginativer und kreativer Bewusstseinsprozesse und als Intermediärobjekt) untersucht, einzelne Aspekte (z . B. Widerstands- bzw. sich wiederholende Spielweisen) herausgestellt. Die im dritten und vierten Kapitel vorgestellten Verfahrensinhalte der Integrativen Therapie und der Integrativen Musiktherapie werden nun mit der praktischen Arbeit in Verbindung gebracht und analysiert. So findet die Autorin heraus, dass bei den Wirkfaktoren am  meisten die Förderung der kreativen Erlebnisfähigkeit und die Förderung von Lernmöglichkeiten zum Tragen kommt, um nur einen Aspekt herauszugreifen. Auch die bereits theoretisch vorgestellten „Vier Wege der Heilung und Förderung“ und der therapeutische Arbeitsstil werden in den einzelnen Gruppenmusiktherapiestunden analysiert.

Einen großen Teil der Reflexion nimmt aber der Gruppenprozess ein. Die verschiedenen Perspektiven, die in der Integrativen Therapie angelegt werden, kommen hier zu Wort. Fördernde oder hemmende Einflüsse, die die Gruppenstabilität beeinflussen, die Frage der Kontinuität der Gruppe, wie ist die kommunikative Kompetenz der Gruppe gestaltet (Harmoniebedürfnis, Kontaktverhalten usw.), die Themenentwicklung und der Aspekt, welche Themen wurden vermieden sind berücksichtigt. Ebenso ist das Gruppenklima (offen oder gehemmt, gereizt o. a.), Werte und Normen einer Gruppenkonstellation und ganz erheblich die Rollen/Postionen der einzelnen TeilnehmerInnen untersucht. Für den Gruppenprozess wichtige Daten wie der Kontext (wo kommen die TeilnehmerInnen gerade her), in dem die Gruppenmusiktherapie stattfindet, Übertragungsdynamiken und beeinflussende Probleme, aber auch Potentiale und Ressourcen sind beschrieben. Die Musiktherapie in der Psychosomatik und hier mit essgestörten PatientInnen hat in der Reflexion u. a. gezeigt, dass prozesshafte Vorgehensweise und die damit verbundenen Eigenverantwortlichkeit der TeilnehmerInnen für den Verlauf der Stunden stark ausgeprägt ist und damit eine hohe Psychodynamik mit sich bringt. Förderung von Ko – respondenzprozessen, Solidaritätserfahrungen und Intersubjektivität sind als wichtige Metaziele genannt. Dazu gehört auch, dass sich Konflikte bzw. konflikthafte Themen oft früher in der Musiktherapie zeigen, als in gesprächsorientierten Therapien.

Am Schluss dieser Graduierungsarbeit kommen die TeilnehmerInnen, die an der Musiktherapie teilgenommen haben und die der Autorin schriftliche Rückmeldungen geschrieben haben, zu Wort. So schreibt eine Teilnehmerin zu ihren Erfahrungen in der Gruppenmusiktherapie folgendes:


„In den Musiktherapiestunden habe ich viel herausgefunden, was mir sehr weitergeholfen hat und was ich in anderen Therapiestunden nicht so herausgefunden habe. Zum Beispiel das „Gehört werden“ oder das Spüren, dass ich die Wut, die in mir sitzt, ganz schlecht herauslassen kann…Die Rückmeldungen der Gruppe haben mir auch sehr geholfen und vieles klarer gemacht.“


[1] Anorexia nervosa wird in dem erwähnten Internetforum als „Ana“ bezeichnet.
konzept.